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Im „Land der Frühaufsteher“

von Lisa Brückner

Eine Umfrage lieferte vor knapp zehn Jahren die Erkenntnis, dass die Sachsen-Anhaltiner neun Minuten früher aufstehen als die Bewohner anderer Bundesländer. Mann ist geneigt, sie zu bedauern. Doch das Bundesland macht aus dem Leid ihrer Bürger ein Asset: Seit 2005 betreibt es eine Kampagne, die klingt, als hätte einst die Wecker-Industrie sie erfunden.

Schon mal mit dem Auto in Sachsen-Anhalt gewesen? Nein? Wer über die Autobahn kommt, den penetriert ein Begrüßungsschild mit dem Aufdruck: „Willkommen im Land der Frühaufsteher.“ Das klingt irgendwie immer nach Vorwurf. Vermutlich ist es auch so gemeint: „Hallo, Ihr Penner! Sachsen-Anhalt begrüßt alle Langschläfer aus den übrigen Bundesländern.“ Manch einer wird da skeptisch. Denn: Reichen neun Minuten wirklich aus, um ein ganzes Bundesland von anderen zu unterscheiden?

Neun Minuten wie ein halbes Leben

Angenommen, Mann steht ausnahmsweise mal neun Minuten früher auf als gewohnt. Mal ehrlich: Er wird kaum bemerken, dass er etwas früher dran ist, und abends im Bett werden die morgens dazu gewonnenen neun Minuten auch nicht weiter auffallen.

Neun Minuten sind, wenn wir ehrlich sind, einfach zu wenig, als dass Mann wirklich davon profitieren könnte. Es wäre vielleicht möglich, den Kaffee am morgen einen Tick entspannter zu genießen. Wer aber morgens sowieso muffig unterwegs ist, der wird binnen neun Minuten auch nicht gesellschaftsfähig. Wie man’s auch dreht und wendet: Neun Minuten sind nicht viel.

Es sei denn – ja, jetzt kommt das große “Aber”: Es sei denn, man rechnet diese neun Minuten auf ein ganzes Jahr hoch. Mal unterstellt, der Sachsen-Anhaltiner steht auch am Wochenende neun Minuten früher auf: Dann hätte er 3.285 Minuten an jährlicher Zeitreserve dazugewonnen. Umgerechnet fast 55 Tage. Und das sind immerhin mehr als zwei Tage. Auf ein Leben gerechnet, ist das fast ein halbes Jahr.

Komisch, dass Sachsen-Anhaltiner trotzdem nicht mehr Feiertage haben als Männer in anderen Bundesländern. Ein Umstand, der sich wohl weniger gut bewerben lässt.

Beim nächsten Mal: Andere Bundesländer mit anderen seltsamen Doppelnamen und anderen seltsamen Gebräuchen.

Foto: © CENTURIO